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7 Ängste, die Kinder aus christlich-fundamentalistischen Haushalten kennen (Teil 2)

Aktualisiert: 8. Jan. 2023

Wenn Glaube durch Angst getrieben wird

Im letzten Beitrag habe ich über Ängste geschrieben, die viele Kinder (und Erwachsene) aus einem christlich-fundamentalistisch geprägten Umfeld kennen. Denn hier wird nicht nur von einem liebenden, sondern auch von einem strafenden Gott gesprochen, von Satan. Dämonen und der Hölle. In diesem Post möchte ich den Artikel ergänzen und auf drei weitere Ängste eingehen, die mein Leben als Christin beeinflusst haben.


5. Die Angst vor der Hölle


Wenn in der Bibel von "Himmel" und "Hölle" die Rede ist, verstehen christliche Fundamentalist*innen dies nicht symbolisch. Es sind reale Orte, die nach dem Tod auf die Menschen warten. Nur die, die bereits zu Lebzeiten die christliche Wahrheit erkannt haben und Jesus nachgefolgt sind, gelangen ins Paradies. Alle anderen landen in der Hölle, über die wir in der Bibel folgendes erfahren:

  • Es ist ein dunkler Ort, an dem die Menschen leiden. ("Bindet ihm Hände und Füße und werfet ihn in die Finsternis hinaus! da wird sein Heulen und Zähneklappen" (Matthäus 22, 13))

  • In der Hölle wird ein Feuer brennen. ("... und fahrest in die Hölle, in das ewige Feuer (Markus 9, 43))

  • Das Feuer in der Hölle hält ewig. ("Es ist dir besser, daß du einäugig in das Reich Gottes gehest, denn daß du zwei Augen habest und werdest in das höllische Feuer geworfen, da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht." (Markus 9, 47 f))

  • Es gibt keine Möglichkeit, der Hölle zu entrinnen. ("Wer in die Hölle hinunterfährt, kommt nicht wieder herauf" (Hiob 7, 9))

  • Es werden mehr Menschen dort sein als im Paradies. ("Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis abführt; und ihrer sind viele, die darauf wandeln" (Matthäus 7, 13))

Ich stellte mir die Hölle als Kind als große, dunkle Höhle vor, in der ein unbezwingbares Feuer lodert. Menschen stehen in Flammen, ihre Körper und Haare brennen, man hört Schreie und verzweifeltes Weinen. Und doch verbrennt niemand. Es gibt keine Toten. Denn das Leiden wird sich für immer fortsetzen, der Schmerz nie aufhören, die Menschen werden für alle Ewigkeit weiter brennen.


Dieses Bild hat sich früh in mir verfestigt. Die Angst, nach meinem Tod an diesen Ort des Schreckens zu gelangen, wurde einer der Haupttreiber für meinen Glauben. Ich verstand vieles an der christlichen Botschaft nicht, zweifelte an Gottes Liebe und spürte seine Gegenwart nicht - doch die Aussicht auf die ewige Strafe hinderte mich daran, meinen Glauben ernsthaft zu hinterfragen. Denn lieber hielt ich an etwas fest, das sich später als Illusion herausstellte, als dass ich in der Hölle schmorte.


Als ich mich viele Jahre später mit meinen Zweifeln auseinandersetzte und mir eingestehen musste, dass ich nicht an die Botschaft der Bibel glaubte - und mich dem Gott der Bibel auch dann nicht unterwerfen wollte, wenn er tatsächlich existierte - blieb die Furcht vor der Hölle bestehen. Sie hatte sich zu tief in mir eingenistet und ständig spukte die Frage in meinem Kopf herum "Was, wenn doch?". Es dauerte etliche Jahre, in denen die Frage immer leiser wurde, bis sie schließlich ganz verschwand - zusammen mit meinem Glauben daran, dass es überhaupt ein Leben nach dem Tod gibt.


Denis Diderot sagte:

"Nehmt einem Christen die Furcht vor der Hölle, und ihr nehmt ihm seinen Glauben."

Auf mich trifft das zu: Hätte meine Angst vor der Hölle nicht existiert, hätte ich mich schon viel früher vom Glauben verabschiedet.


6. Die Angst vor der Strafe Gottes


Vor allem im Alten Testament gibt es etliche Erzählungen, in denen Gott Menschen bestraft - häufig, indem er sie tötet. Einige davon hielten auch Einzug in Kinderbibeln und so lernte ich schon früh die weniger liebenswürdige Seite Gottes kennen.


Auch wenn ich die bunten Illustrationen zur Arche Noah sehr geliebt habe (Giraffenhälse, die aus den Dachfenstern lugen, Löwen, die friedlich neben Zebras liegen, und auf dem Deck herumtollende Schimpansen), den Anfang der Geschichte empfand ich doch als recht verstörend:

"Da aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich gemacht habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel." (1. Mose 6, 5 ff)

Nur fünf Kapitel nach der Schöpfung der Erde war Gott es schon wieder leid, und er entschied, fast alle Menschen und Tiere zu beseitigen. Ich kannte zwar eine etwas abgemilderte (ich will nicht von "kindgerecht"sprechen) Version der Erzählung, doch die Rigorosität und Brutalität Gottes irritierte und verängstigte mich. Ich hatte Mitleid mit den vielen Menschen und Tieren, die nicht aufs Schiff durften.


Geschichten, die von Gottes Strafen berichten, gibt es noch viele mehr: Sodom und Gomorra wurden zerstört, weil sich die Bewohner*innen daneben benahmen, Lots Frau erstarrte zur Salzsäule, weil sie sich auf der Flucht - trotz Gottes Verbot - zu ihrem Heimatort umdrehte, in Ägypten starben alle Erstgeborenen (Tiere und Menschen), weil der Pharao das Volk Israel nicht gehen lassen wollte (nachdem Gott sein Herz verstockt hat), 185.000 Assyrer wurden von einem Engel im Schlaf erschlagen, weil sie im Krieg mit Israel waren usw. usf. (Eine interessante Liste über Gottes Tötungen findet sich übrigens auf der Seite Bibellexikon.com.)


Ich versuchte wirklich, Gottes Handeln gerecht zu finden. Schließlich stand in der Bibel, dass er gerecht war (z. B. 2. Mose 9, 27), also musste es stimmen. Und doch konnte ich einfach nicht glauben, dass alle Menschen, außer Noah, so abgrundtief böse waren, dass man sie töten musste. Was war mit den Babys und den Kindern? Hatte Gott die Menschen nicht gerade erst nach seinem Bild geschaffen? Musste der offensichtliche Hang zur Sünde nicht in ihrem Wesen verankert sein? Und was war mit den Krokodilen und Pandas, mit den Schnecken und Kolibris - waren sie überhaupt in der Lage zu sündigen?


(Kurzer Einschub: Sicher werden jetzt einige einwenden, dass dies der Gott des Alten Testaments war, dass Jesus durch seinen Tod am Kreuz für unsere Sünden eingestanden ist. Doch auch im Neuen Testament wird durch Tod gestraft (z. B. Apostelgeschichte 5, 1 ff) und in der Offenbarung werden etliche Morde angekündigt.)


Ich konnte Gottes Handeln nicht nachvollziehen und so entwickelte sich in mir eine Mischung aus Verunsicherung und Angst. Angst davor, wegen irgendeines Fehlverhaltens bestraft zu werden. Denn möglicherweise hatte ich versehentlich Sünden begangen, von denen ich nichts wusste.


7. Die Angst vor dem "Ruf"


Ich komme aus einer landeskirchlichen Gemeinschaft, die über ein großes Gelände verfügt. Hier gibt es ein Diakonissenmutterhaus, mehrere Freizeitheime, eine Berufskolleg und Altenheime. An den Anblick von Diakonissen war ich früh gewöhnt. Sie betreuten Kinderfreizeiten, gestalteten die Gottesdienste mit und arbeiteten als Lehrkräfte an der Schule. Sie sahen sich alle sehr ähnlich: weiße Hauben, die die grauen Haare verdeckten, mehrschichtige, dunkelblaue Kleider, die bis zu den Knöcheln reichten, weiße Kragen, schwarze Strumpfhosen und unmoderne Halbschuhe. Im Hochsommer taten sie mir schrecklich leid. Der Stoff der Tracht wirkte fest und wenig luftig, die Strümpfe waren blickdicht und niemand trug Sandalen. Außerdem wohnten sie in kleinen, karg eingerichteten Räumchen mit muffigen Möbeln und braunen Tapeten, sie verbrachten ihre Zeit mit Arbeiten und Beten und verdienten damit nicht mal Geld. Ich konnte mir kaum ein trostloseres Leben vorstellen.

An besonderen Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten mussten wir Kinder häufig ins Mutterhaus und den Diakonissen Lieder vorsingen. Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir auch immer einiges über ihr Leben. Sie erzählten von ihrem Alltag, ihrer Arbeit und häufig auch davon, wie sie überhaupt Diakonisse geworden sind. Auch wenn die Erlebnisse sehr unterschiedlich waren, hatten sie alle eins gemeinsam: Am Anfang kam der "Ruf". Die Frauen wurden alle von Gott persönlich damit beauftragt, Diakonisse zu werden. Zu denen einen sprach Gott in einem intensiven Traum, die anderen erfuhren es aus einer prägnanten Bibelstelle und eine Frau erzählte mir, der Heilige Geist habe ihr durch ihre Mutter ausrichten lassen, dass sie Diakonisse werden sollte. Viele von ihnen haben andere Vorstellungen für ihr Leben gehabt, sie wollten heiraten und Kinder bekommen - doch sie mussten Gottes Ruf folgen.


Dass auch ich von Gott berufen werden und in einem Mutterhaus enden könnte, war für mich eine grauenhafte Vorstellung. Mit diesem Dasein verband ich nur Einsamkeit, Langeweile und Freudlosigkeit. Nur eine andere Befürchtung konnte da mithalten: Die Angst davor, Missionarin werden zu müssen:


Ich hatte zwei Verwandte, die in Indonesien die frohe Botschaft verkündeten und außerdem gab es in meiner Gemeinde jede Menge Vorträge und Diashows von Missionar*innen, die in Afrika, Südamerika und Asien Menschen bekehrten. Auch sie kannten den Moment der Berufung, auch sie hatten von Gott persönlich den Auftrag bekommen, diese Arbeit zu verrichten. Ich wollte auf keinen Fall auswandern, noch konnte ich mir vorstellen, wildfremde Menschen, deren Sprache ich kaum beherrsche, von einem Glauben zu überzeugen, der für sie völlig fremd ist.


Also schloss ich dieses Anliegen in meine Gebete ein. Jeden Abend bat ich Gott, dass er mich vor dem Ruf verschonen möge. Ich flehte ihn an und versuchte ihn davon zu überzeugen, dass ich als Missionarin nichts taugte, dass ich keine gute Diakonisse abgab.


Und meine Gebete wurden erhört: Der Ruf blieb aus.

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