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Die Überheblichkeit von Christ*innen

Warum ein Austausch auf Augenhöhe kaum möglich ist

Als ich etwa drei Jahre alt, zogen wir in ein eigenes Haus. Die Siedlung um uns herum war noch im Aufbau. Gerade erst entstanden neue Wohnflächen, Straßen wurden mit rostroten Steinen gepflastert und Garagen aus tristem Beton gebaut, deren scheppernde Metalltore wir später zum Fußballspielen nutzten. Die großen Gärten glichen noch unbearbeiteten Äckern, die sich wie dunkle Wüsten trostlos vor den strahlend weißen Fassaden der neuen Häuser erstreckten, trockene Erde, die darauf wartete, im Frühling unter einer üppigen Wiese mit Gänseblümchen und Klee zu verschwinden. Es waren die 80er Jahre und um uns herum wimmelte es nur so von jungen Familien, die ihren Traum vom eigenen Heim verwirklichten. Schräg gegenüber wohnte ein Paar mit drei Kindern und einem winzig kleinen schwarzen Pudel. Sonntagmorgens konnten wir immer beobachten, wie sich die Haustür öffnete, der Hund zum Auto hechtete und dort vor dem Kofferraum wartete, bis die Familie nachkam und alle gemeinsam wegfuhren. Wir wussten, wohin es ging. Auf dem Heck des Fahrzeugs klebte ein bunter Fisch - das Erkennungszeichen für Christ*innen. Sie fuhren in den Gottesdienst. Während wir immer in die nächste größere Stadt in eine landeskirchliche Gemeinschaft fuhren, besuchten sie die Freie Evangelische Gemeinde vor Ort. Trotzdem beschäftigte mich die Frage, wieso wir gar keinen Kontakt zu der Familie suchten, obwohl wir doch denselben Glauben teilten, und wendete mich an meine Eltern. Ihre Antwort lautete "Das sind keine richtigen Christen".

Das war für mich eine äußerst interessante Information. Denn bisher kannte ich zwei Gruppen: Erstens: Menschen, die anderen Religionen angehören und an etwas Falsches glauben und zweitens: Menschen, die an nichts glauben - die nannten wir "Nicht-Christ*innen". Nun sollte es also noch eine dritte Kategorie geben: Christ*innen, die eigentlich keine sind.

Fundamentalistische Christ*innen glauben, dass sie die Wahrheit gefunden und erkannt haben - und dass es auch nur diese eine Wahrheit gibt. Dieser Absolutheitsanspruch kann leicht zu einer überheblichen Sicht auf die Welt führen. Es ist, als seien Christ*innen die einzig Sehenden unter Millionen von Blinden - und ihre Aufgabe ist es, allen den Weg zu zeigen.


1. Andere Religionen und Glaubensgemeinschaften


Schon im Alten Testament wird immer wieder darauf hingewiesen, dass nur Gott allein als solcher verehrt werden darf; diese Regel ist sogar so wichtig, dass sie zum ersten der zehn Gebote wird:

"Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft, herausgeführt habe. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!" (2. Mose 20, 1)

Dieser Grundsatz wird auch im Neuen Testament weitergeführt: Nur wer Jesus' Geschenk der Vergebung annimmt und ihm sein Leben widmet, kann erlöst werden und ins Paradies gelangen. Jesus fasst diese Kernbotschaft der Bibel folgendermaßen zusammen:

"Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich." (Johannes 14, 6)

Dem christlichen Glauben nach existiert nur diese eine Wahrheit. Keine andere Religion, kein anderer Glaube kann zur Erlösung oder zu Gott führen (vgl. auch Epheser 5, 5). Ganz egal, ob es um die Inhalte des Islams, Buddhismus', Hinduismus' oder Judentums geht - sie alle müssen demnach falsch sein. Keine dieser Religionen, ganz zu schweigen von Sekten, esoterischen Glaubensrichtungen oder anderen spirituellen Heilsversprechen, hat demnach eine Existenzberechtigung. Sie werden von fundamentalistischen Christ*innen wahlweise als Fantasiegebilde, Lügen oder Verführungen des Satans gedeutet. Dass beispielsweise Personen jüdischen oder muslimischen Glaubens dieselben starken religiösen Erfahrungen im Gebet machen wie Christ*innen, ebenfalls die Anwesenheit eines göttlichen Wesens spüren und sich ihres Heils gewiss sind, wird schlicht als Einbildung oder dämonisches Wirken abgetan. So führt der Absolutheitsanspruch des eigenen Glaubens nicht selten zu einem Überlegenheitsgefühl gegenüber Andersglaubenden. Christ*innen haben die Wahrheit gefunden und erkannt und können damit auch den Wahrheitsgehalt anderer Religionen und Glaubensrichtungen beurteilen. Als Konsequenz entsteht häufig das Bedürfnis, sich von diesen "Irrlehren" abzugrenzen. Tatsächlich habe ich häufig erlebt, dass dies durch Spott geschah (da wurde sich z. B. über den Placebo-Effekt von Globuli oder die unzähligen Götter im Hinduismus lustig gemacht). Meistens aber überwog ein gewisses Mitleid, ein Bedauern, dass diese Menschen ihre ganze Kraft und Anstrengungen einer Lüge widmen, und der Wunsch, ihnen die einzig richtige und wahre Religion näherzubringen. Darum gab es in meiner Gemeinde zum Beispiel Seminare, in denen über muslimische Glaubensinhalte und Traditionen aufgeklärt wurde. Wir bekamen praktische Tipps, wie wir mit Menschen ins Gespräch kommen, worauf es zu achten gilt, und wie wir ihnen die frohe Botschaft verkünden können.

Aus Sicht des christlichen Glaubens können andere Religionen gar nicht gleichberechtigt existieren. Ihre Mitglieder müssen sich ja irren. So wird eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Christ*innen und Andersglaubenden unmöglich, Christ*innen haben ihrem Gegenüber immer etwas voraus und sind quasi verpflichtet, ihm zu helfen.


2. Nicht-Christ*innen


"Nicht-Christ*innen" - so hießen bei uns einfach alle Menschen, die nicht an Gott und die Bibel glaubten. War ich nicht gerade in der Gemeinde, traf das in meinem Alltag eigentlich auf fast alle Menschen zu. Weder meine Schulkamerad*innen, die Lehrer*innen noch die Nachbarskinder, mit denen ich nachmittags draußen spielte, glaubten an Gott. Sie gehörten nicht zu uns, sondern waren Teil der heidnischen Welt. Sie waren (wie ihre Eltern und Geschwister) Sünder*innen und würden am Ende des Armageddons nicht gerettet werden. Im Umgang mit ihnen gab es für mich zwei Dinge zu beachten:

  1. Ich sollte mich von ihnen nicht negativ beeinflussen lassen. Schließlich hörten sie weltliche Musik, lasen gefährliche Bücher, schauten verbotene Filme und überhaupt machten sie eigentlich nichts, was Gott gefiel. Auf keinen Fall sollte ich mich von ihnen auf die dunkle Seite ziehen lassen.

  2. Es war meine Aufgabe, ihnen die christliche Botschaft zu verkünden und ihnen zur Bekehrung zu verhelfen. Anders waren sie nicht zu retten.

Ich war etwa achtzehn, als sich eine Freundin aus meiner Gemeinde an mich wandte und mir die Frage stellte, ob wir auch dann noch mit Nicht-Christ*innen befreundet sein dürfen, wenn sie sich trotz großer Bemühungen unsererseits einfach nicht bekehren wollen. Sie fragte sich, ob Gott den Kontakt zu ungläubigen Menschen wohl gutheißt, wenn nicht die Verkündung der frohen Botschaft im Fokus steht. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, dass eine freundschaftliche Beziehung einen anderen Zweck als einem missionarischen dienen könnte.

Mit dieser Frage war sie bei mir an der falschen Adresse. Ich hatte immer große Schwierigkeiten, in der Gemeinde Anschluss zu finden. Es fiel mir leichter, mit "weltlichen" Menschen Beziehungen aufzubauen und ich verbrachte gerade in meiner Jugend die meiste Zeit mit Freundinnen aus der Schule. Für mich waren diese Freundschaften extrem wertvoll. Durch sie wurde ich mit neuen Perspektiven und Wertesystemen konfrontiert und ich lernte eine ganz andere Offenheit kennen, Menschen und Situationen zu begegnen. Ich verbrachte die Wochenenden mit ihnen, wir gingen auf Partys, in Kneipen, trafen uns bei jemandem zuhause, um zu quatschen, und besuchten Konzerte. Man könnte sagen, sie haben mich auf die dunkle Seite gezogen. Auch wenn es noch ein paar Jahre gedauert hat, bis ich tatsächlich ausgestiegen bin, wurde hier sicher ein Grundstein für meine jetzige liberale Haltung gelegt.

Der enge Kontakt zu Mitschüler*innen war für ein Gemeindemitglied aber höchst ungewöhnlich. Meist blieb man unter sich. Gerade die Wochenenden waren mit Programmpunkten durchgeplant: Freitagabend fand das gemeinsame Bibellesen mit anschließendem Gebetskreis statt, samstags ging es weiter mit Jungschar, Volleyball und Abendessen und Sonntagmorgens feierten wir den Gottesdienst. Wenn man wollte, fand man für jeden Abend in der Woche eine passende Beschäftigung innerhalb der Gemeinde. Wozu also sollte man Kontakte zu Menschen außerhalb pflegen? Und falls diese doch existierten, fanden alle paar Wochen Bekehrungs-Events statt, zu denen nicht-christlichen Freund*innen eingeladen werden konnten, damit sie die Chance bekamen, ebenfalls im Reich Gottes aufgenommen zu werden.


3. Andere Christ*innen


Neulich habe ich das Buch "Ultraorthodox" gelesen. Darin beschreibt der Autor Akiva Weingarten, der in der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft der Satmarer Chasside aufgewachsen ist, wie er einmal mit seinem Vater an einer fremden Synagoge vorbeilief. Davor war eine Parkbucht, über der ein Schild mit den Worten "Reserviert für den Rabbiner" angebracht war. Akiva Weingarten zeigte sich schockiert, denn eine der wichtigsten Regeln besagte, dass am Schabbat nicht Auto gefahren werden durfte. Warum also hatte der Rabbiner einen eigenen Parkplatz? Sein Vater erklärte ihm daraufhin "Die sind nicht richtig jüdisch." (Seite 15). Genauso hatten ja auch meine Eltern reagiert: "Das sind keine richtigen Christen". Denn nur weil sich jemand "Christ*in" nennt oder in den Gottesdienst geht, bedeutet das noch lange nicht, er oder sie den richtigen, den wahren Glauben hat. In fundamentalistischen Kreisen ist es enorm wichtig, die Bibel gut zu kennen und sich streng an die Vorschriften zu halten. Legten andere Gemeinden Textstellen lockerer aus oder deuteten biblische Vorschriften anders, wurden sie von meiner kritisch beäugt. Meine Gemeinde war sehr konservativ und pietistisch. Unsere Gottesdienste folgten einem genauen Ablauf, es gab eine Liturgie, die festlegte, wann der Pfarrer etwas sagte, wann die Gemeinde antwortete und wann alle aufstanden und sich wieder setzten. Während der Predigt herrschte absolute Ruhe und beim Singen Disziplin. Jegliche Form von Emotionen waren nicht gern gesehen. Kein Wunder also, dass uns charismatische Gemeinden suspekt vorkamen. Lobpreis, bei dem die Besucher*innen aufstehen, ihre Arme in die Luft halten, tanzen, weinen oder gar in Zungen reden - das war nichts für uns. Und nicht nur das. Natürlich waren wir, die wir die Wahrheit kannten, auch in der Lage, diese Form des Worships zu verurteilen. Denn laut Bibel hat man als Christ*in "nüchtern" und wachsam zu sein (1. Petrus 5, 8). Sich in euphorisierte Zustände zu begeben, war verpönt. Zudem war das "Zungenreden" nur dann erlaubt, wenn jemand die fremde Sprache auch übersetzen konnte (1. Korinther 14, 5). Aber war das auch immer der Fall in den Pfingstler-Gemeinden? Genauso konnten wir über Brüdergemeinden behaupten, dass sie zu gesetzlich waren, über Baptist*innen, dass sie die falschen Prioritäten setzten, und über Katholik*innen, dass sie zu viele Heiligenfiguren hatten. Irgendetwas fand man immer, was die anderen Gemeinden falsch machten und das man - dank der Bibel - besser wusste. Die Abgrenzung von anderen und das Verurteilen ihres Glaubens und Handels gehörte in jeder Gemeinde, die ich besuchte, mal mehr, mal weniger dazu.


Die logische Konsequenz aus dem Absolutheitsanspruch der christlichen Religion lautet: Alle anderen Menschen glauben an das Falsche und werden von Gott verdammt. Sie können mit Christ*innen gar nicht auf einer Ebene oder ihnen gleichgestellt sein. Sie haben die Wahrheit schließlich (noch) nicht erkannt.

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