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Was bedeutet "fundamentalistischer Glaube"?

Aktualisiert: 6. Dez. 2022

Wenn die Bibel wortwörtlich verstanden wird


Eines möchte ich gerne vorweg sagen: Ich bin mir im Klaren darüber, dass nicht alle fundamentalistischen Christ*innen exakt denselben Glauben teilen. Genauso wenig sind alle Gemeinden gleich. Dennoch gibt es sehr viele Gemeinsamkeit in fundamentalistisch ausgerichteten Kreisen - sowohl in Bezug auf Glaubensinhalte als auch auf strukturelle Phänomene. Auf diesem Blog findet ihr keine wissenschaftlichen Abhandlungen, hier spreche ich über meine eigenen Erfahrungen und den Erkenntnissen, die ich durch den Austausch mit anderen Freikirchen-Aussteiger*innen gewonnen habe.


Die Bibel als Fundament


Christliche Fundamentalist*innen glauben, dass es sich bei der Bibel um eine vom Heiligen Geist persönlich diktierte Schrift handelt, deren Inhalte unfehlbar sind. An die Glaubenssätze der Bibel festzuhalten, völlig unabhängig von gesellschaftlichen Veränderungen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen, und das eigene Leben, Handeln und Denken an biblischen Vorgaben zu orientieren, hat für fundamentalistische Christ*innen oberste Priorität. Dabei ist die wortwörtliche Auslegung der Heiligen Schrift ausschlaggebend. Alles Beschriebene hat sich genauso zugetragen. Als symbolisch oder metaphorisch wird nur das verstanden, was explizit als solches gekennzeichnet wird. Außerdem sind die biblischen Inhalte als Richtschnur für das eigene Leben zu verstehen.


Doch was genau bedeutet es, einen fundamentalistischen Glaube zu haben und welche Konsequenzen ergeben sich daraus?


Hier werde ich allgemein auf einige grundlegende Glaubensinhalte und die Folgen für Christ*innen eingehen. Ausführliche Beiträge zu einzelnen Themenschwerpunkten folgen im Laufe der Zeit.


1. Gut und böse - Himmel und Hölle


Die Bibel lebt vom einem dualistischen Weltbild: Es gibt Gott, der uneingeschränkt gut, gütig und liebend ist, und seinen Widersacher Satan, das abgrundtief Böse. Beide stehen nicht sinnbildlich für etwas, sie sind eigenständige Wesen mit Eigenschaften, Plänen und Zielen. Der Stärkere der beiden ist Gott, doch erst im apokalyptischen Krieg zwischen Gut und Böse, wird er den Sieg davontragen und Satan muss seine Macht endgültig einbüßen.

Beide verfügen über "Personal". Für Gott arbeiten Engel, die als seine Diener beschützen, bewachen, verkünden, beistehen und allerlei weitere Aufgaben im Himmel und auf der Erde übernehmen. Satan dagegen setzt Dämonen und Geister für seine Zwecke ein. Sie sollen den Menschen beeinflussen, ihn von Gott wegbringen und zum Bösen verleiten.

Das Ziel fundamentalistischer Christ*innen ist es, in den Himmel zu kommen. Dort werden nur die Menschen aufgenommen, die sich schon zu Lebzeiten bekehrt und ihr Leben Jesus gewidmet haben. Alle anderen werden bestraft und müssen für alle Ewigkeit in der Hölle verbringen, dort, wo laut Bibel "Heulen und Zähneknirschen sein" werden. Und auch hier gilt: Himmel und Hölle werden als real existierende Orte verstanden, die nach unserem irdischen Tod auf uns warten.

Die Angst vor Satan, den dunklen Mächten und der Hölle kann für Christ*innen sehr bestimmend sein. Sicherheitshalber wird alles vermieden, was auch nur im Ansatz mit Okkultismus zu tun haben könnte. Auch harmlos wirkende Geschichten können das Herz für das Böse öffnen. Darum wird von Büchern und Filmen, in denen Hexen, Zauberer oder Geister auftauchen, Abstand genommen."Bibi Blocksberg", "Harry Potter" oder "Das kleine Gespenst" gelten in vielen christlichen Kreisen als gefährlich und werden verboten. Dasselbe gilt für etliche Bands und Musiker*innen.

Kurzum: Das Böse ist allgegenwärtig und versucht, sich Eintritt in die Herzen von Christ*innen zu verschaffen. Es gilt, dies mit allen Mitteln zu verhindern.


2. Sich selbst verleugnen und die frohe Botschaft verkünden


Der Mensch ist ein sündiges Wesen, er gehört verdammt. Doch durch Gottes unendliche Liebe und Güte kann er errettet werden. Denn um alle menschlichen Sünden zu sühnen, starb Jesus für uns am Kreuz. Errettet wird aber nur, wer dieses "Geschenk" annimmt, sich bekehrt und sein Leben Gott widmet. Für Christ*innen bedeutet die Bekehrung eine radikale Veränderung - sie müssen ihr Leben neu ausrichten und sich ganz nach Gottes Willen richten.

"Er sprach aber zu allen: Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf täglich und folge mir nach!", heißt es dazu im Lukas-Evangelium.

Menschliche Bedürfnisse spielen keine Rolle mehr. Allein Gott zu ehren und seine frohe Botschaft zu verkünden, sind Aufgaben von Bedeutung. Es gilt, Gott so viel Raum zu geben wie irgend möglich. Dazu muss jegliche Form von Egoismus im Keim erstickt werden. Persönliche Sehnsüchte, Interessen oder Wünsche sind nur dann legitim, wenn sie mit der christlichen Mission vereinbar sind und zu Ehre Gottes genutzt werden. Christ*innen sollten "ein Zeugnis von Gottes Liebe" sein, ganz gleich, wo sie sind. Ob in der Schule, in der Uni oder auf der Arbeit - es sollte ihnen nicht nur anzusehen sein, dass sie Gott folgen, sie sollten ihren Mitmenschen auch von ihren Glauben erzählen, damit auch sie sich bekehren. Viele Gemeinden organisieren zusätzlich zu Gottesdiensten und ähnlichen Zusammenkünften Missionseinsätze. Mitglieder versammeln sich in Fußgängerzonen, singen christliche Lieder, laden zu einem Kaffee ein, und kommen so mit Passant*innen über den Glauben ins Gespräch. In Seminaren und Tagungen werden Methoden vermittelt, wie "Ungläubige" erfolgreich angesprochen und in Gottesdienste eingeladen werden. Wie sie mithilfe von Love Bombing manipuliert und schließlich in die christliche Gemeinschaft eingegliedert werden.

Anderen den christlichen Glauben zu vermittelt, bekommt mit der eigenen Bekehrung oberste Priorität im Leben.

3. Kreationismus


Zum wortwörtlichen Verständnis der Bibel gehört auch der Glaube an die göttliche Schöpfung. Innerhalb von sechs Tagen entstand demnach die Erde. Nacheinander schuf Gott Tag und Nacht, das Firmament, Festland und Pflanzenwelt, Sonne, Mond und Sterne, die Tiere des Wassers und der Luft und schließlich die Landtiere und die Menschen. Rechnet man zudem basierend auf den biblischen Erzählungen das Alter der Erde aus, ist sie etwa 6.000 Jahre alt.

Das Problem: Die Wissenschaft kommt zu ganz anderen Ergebnissen und der Kreationsmus ist mit der Evolutionstheorie nicht in Einklang zu bringen.

Die Idee, dass sich die Natur, die Tiere und der Mensch über einen langen Zeitraum entwickeln musste und auch weiterhin Veränderungen stattfinden, lehnen Kreationist*innen ab, genauso wie die Erkenntnis, dass die Erde ein paar Millionen Jahre älter als die errechneten 6.000 sein muss.

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse sind schlichtweg nicht mit dem Glauben an die vollkommene Schöpfung zu vereinbaren. Also glauben sie auch weiterhin, dass Menschen und Dinosaurier zur selben Zeit gelebt haben, und alle Versteinerungen, die bisher gefunden wurden, aus der Zeit der Sintflut stammen (bei der, nebenbei erwähnt, auch die Dinosaurier allesamt ums Leben kamen). Fundstücke, die auf eine andere Zeitrechnung hindeuten, sind ihrer Meinung nach lediglich Versuche Satans, die Menschen in die Irre zu führen. Daraus folgt nicht selten eine allgemeine Skepsis gegenüber der Wissenschaft.


4. Purity Culture und Rollenverteilung


Purity Culture, die Kultur der Reinheit, hat in evangelikalen Gemeinden einen sehr hohen Stellenwert. Dazu gehört u. a. die sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Hochzeit. Christ*innen dürfen erst dann miteinander schlafen, wenn der eheliche Bund vor Gott und Menschen bezeugt wurde. Sich aufzusparen, gehört nicht nur zu einem gottgefälligen Leben, sondern wird auch als Liebesbeweis für den bzw. die zukünftige Partner*in gewertet. Auch Selbstbefriedigung ist nach dieser Logik als Untreue zu werten. In Gemeinden wird unterschiedlich streng ausgelegt, wie weit ein Paar gehen darf. Teilweise wird selbst das Zusammensein im selben Raum schon als anstößig empfunden. Das hängt auch damit zusammen, dass von einer hohen sexuellen Begierde beim Mann ausgegangen wird. Frauen sollten sich dementsprechend schlicht und hoch geschlossen kleiden, um das andere Geschlecht nicht in Versuchung zu führen.

Insgesamt herrscht in Gemeinden häufig eine misogyne Grundeinstellung. Die Frau verführt nicht nur den Mann, sondern hat mit Eva, die in den Apfel biss, auch der Sünde die Tür geöffnet. Doch nicht nur das: Im Neuen Testament wird klar verlangt, dass sich die Frau dem Mann unterordnet:

"Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, so wie ihr euch dem Herrn unterordnet. Denn wie Christus als Haupt für seine Gemeinde verantwortlich ist, die er erlöst und zu seinem Leib gemacht hat, so ist auch der Mann für seine Frau verantwortlich. Und wie sich die Gemeinde Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem ihren Männern unterordnen." (Eph, 5, 22 ff.)

Der Mann hat das Sagen. Die Frau ist ihm nicht ebenbürtig. Dieses Rollenverständnis spiegelt sich nicht nur in Gemeinden wider (so dürfen in etlichen Gemeinden nur Männer predigen), sondern auch im Familienleben. Hier unterstützen Frauen ihre Männer und kümmern sich um Kinder und Haushalt. Wichtige Entscheidungen trifft allein der Mann, die Frau hat sich diesen zu fügen.


5. Homosexualität als Sünde


Für viele fundamentalistische Christ*innen ist Homosexualität eine Sünde. Begründen lässt sich diese Auffassung leicht, denn Bibelverse wie die folgenden gibt es zu Genüge:

"Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so ist das ein Greuel und beide sollten des Todes sterben.“ (3. Mose, 20, 13)

oder:

"desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Männer mit Männern Schande über sich gebracht und den Lohn für ihre Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen." (Römer, 1, 26 f.)

Gleichgeschlechtliche Liebe ist mit einem christlichen Lebenswandel demnach nicht zu vereinbaren. Viele Gemeinden lassen Homosexuelle, die ihre Neigung nicht ausleben, zwar als Besucher*innen in ihren Gottesdiensten zu, als Mitglied werden sie häufig aber nicht aufgenommen und aktiv mitzuarbeiten, bleibt ihnen ebenfalls untersagt. Führen Homosexuelle jedoch eine Beziehung, wird häufig wahlweise von einer Krankheit, einer Störung oder von Sünde gesprochen.

So bleiben homosexuellen Menschen häufig nur drei Möglichkeiten: 1. Sie verheimlichen ihre sexuelle Orientierung, was zu vielen Einschränkungen führt. 2. Sie verlassen die Gemeinde oder 3. Sie unterdrücken ihre Bedürfnisse und versuchen, heterosexuell zu werden. Auch wenn die letzte Option abwegig klingt, ist sie doch für viele die einzig attraktive. Denn als überzeugte*r Christi*in möchte man Gott kein "Greuel" sein. Ganz im Gegenteil. Und darum werden Hilfestellungen zur "Überwindung" der homosexuellen Neigung, die Gemeinden anbieten - angefangen bei Seelsorge bis hin zu Konversionstherapien (die mittlerweile zumindest nur noch eingeschränkt erlaubt sind) - von Betroffenen gerne genutzt.

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