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Purity Culture

Wenn dein Körper zur Sünde wird

In evangelikalen Gemeinden gibt es eine Regel, an der nicht gerüttelt wird: Der Mensch hat sich bis zur Ehe rein zu halten; weder Sex noch Masturbation sind bis zur Hochzeit erlaubt, bereits sexuelle Gedanken sind als Sünde zu werten und sollten dringend unterdrückt werden. Generell wird das Thema Sexualität in Gemeinden häufig nur im Kontext von Sünde behandelt und so wundert es kaum, dass viele Christ*innen - vor allem Frauen - keine natürliche Beziehung zu ihrem Körper und ihrem Sexualleben entwickeln.


1. Kein Sex vor der Ehe


In meiner Teenagerzeit wurde häufig die Geschichte einer jungen Frau erzählt. Sie hatte bereits etliche Beziehung hinter sich und als ihr letzter Freund Schluss machte, sagte sie traurig: "Ich fühle mich wie eine Cola-Dose. Geöffnet, ausgetrunken, weggeschmissen." Ein warnendes Beispiel für alle Frauen, die zu früh an Sex dachten. Eine ähnlich plumpe Metapher: Die Frau ist eine schöne Rose, deren Blütenblätter auf den Boden geworfen und zertrampelt werden. Wer soll eine solche Blume noch haben wollen?

Der Körper der Frau wird als Geschenk an ihren zukünftigen Ehemann verstanden, dem es schon vor dem Kennenlernen treu zu sein gilt. Von Frauen wird erwartet, dass sie bis zur Hochzeit enthaltsam bleiben - da aber davon ausgegangen wird, dass sie ohnehin keine körperliche Bedürfnisse und sexuelle Fantasien haben, ist dies eine leicht zu meisternde Aufgabe. Männern dagegen wird unterstellt, keine Kontrolle über ihren Sexualtrieb zu haben - und da kommen wieder die Frauen ins Spiel. Sie sind verantwortlich für die Fantasien der Männer und sollten sie schützen, indem sie sich sittsam kleiden, keine nackte Haut zeigen, keine enge Kleidung anziehen, und alles vermeiden, was Blicke auf sie ziehen könnte. Vor etlichen Jahren wurden einige junge Frauen und ich nach dem Gottesdienst von einer Diakonisse angesprochen. Ihr war aufgefallen, dass wir sehr "freizügig" gekleidet waren (in meinem Fall konnte man ein Stück meines Rückens sehen) und damit männliche Besucher von Gottes Wort ablenkten. Wir sollten unsere Garderobe bitte diesbezüglich überdenken. Wie schon Eva, die sich von der Schlange verleiten ließ und Adam so lange bezirzte, bis er auch in den Apfel biss, sind es auch in den evangelikalen Kreisen die Frauen, die die Männer verführen und zur Sünde anstiften. Einen weiblichen Körper zu besitzen, reicht völlig aus, um eine Sünderin zu sein.


Paare in evangelikalen Kreisen stehen häufig unter besonderer Beobachtung und damit unter starkem Druck. Wie weit darf man vor der Hochzeit gehen? Ist nur Sex verboten? Darf man sich voreinander umziehen? Ist Küssen erlaubt? Und wie verhält man sich als verliebtes Paar in der Öffentlichkeit?

Als ich Teenie war, war der Ratgeber "Ungeküsst und doch kein Frosch" von Joshua Harris populär. Seine Erfahrungen und Ratschläge wurden in Gemeinden - gab es ansonsten ja kaum hilfreiche Literatur - dankbar als Richtschnur aufgenommen. Darin schrieb Harris, der zu dem Zeitpunkt Single war und über keinerlei Beziehungserfahrungen verfügte, dass selbst ein Kuss vor der Ehe nicht gottgewollt sei. Zwar hat sich der Autor kürzlich für die Inhalte seines Buches entschuldigt und sich vom Glauben distanziert, doch seine Aussagen haben eine ganze Generation von jungen Christ*innen geprägt. In meiner Gemeinde orientierte sich die Jugend an Harris' Thesen. Teilweise war es sogar verpönt, sich mit einer Person des anderen Geschlechts alleine in einem Raum aufzuhalten. Es gab etliche Paare, die, kaum waren sie zusammen, Regeln für ihre Beziehung erarbeiteten: Definiert wurde, welche Handlungen vor Gott in Ordnung (z. B. Händchen halten) und welche sündig waren.


Wie sehr körperliche Nähe mit Sünde assoziiert wird, zeigt auch dieses Beispiel: Wenn die erwachsende Tochter eines Ehepaars aus meiner Gemeinde zu Besuch kam, verboten ihr die Eltern, gemeinsam mit ihrem Freund in einem Zimmer zu schlafen. Die Beziehung zwischen der Tochter und ihrem Partner hielt zu diesem Zeitpunkt schon seit vielen Jahren, sie lebten zusammen und hatten ein gemeinsames Kind. Offensichtlich hatten die beiden Geschlechtsverkehr. Das Problem: Sie waren nicht verheiratet. Dass dieses "sündige Verhalten" unter ihrem Dach stattfinden könnte, war für die Eltern nicht auszuhalten. Also legten sie Regeln fest, um sich nicht mitschuldig zu machen.


Hier spielt auch ein hohes Maß an Fremdbestimmung mit: Denn selbst wenn ein Paar sich für einen anderen Weg entscheidet, wird es nicht selten von anderen reglementiert. In meinem Freundeskreis gab es ein Paar, das sich nach vielen Jahren Beziehung verlobte. Als das Hochzeitsdatum feststand, das Fest geplant und nur noch wenige Monate entfernt lag, zog das Paar in seine erste gemeinsame Wohnung. Daraufhin bat der Pfarrer, der es trauen sollte, um ein Gespräch: Er bat den Mann bis zum Hochzeitstag wieder ausziehen; unter diesen Umständen könne er seinen Segen nicht geben.


Das ständige Gefühl, zu sündigen, führt zu Scham und einem dauerhaft schlechten Gewissen. Häufig distanzieren sich Christ*innen in der Folge innerlich von ihren Körper und ignorieren und leugnen ihre Bedürfnisse. Statt den Körper in der Pubertät zu erkunden und kennenzulernen, ignorieren sie seine Entwicklung.


2. Jung heiraten

Viele Christ*innen heiraten aus genau diesen Gründen sehr früh. Ich selbst stand mit 21 Jahren vorm Traualtar und war damit bei Weitem nicht die Jüngste.

Dabei kann die Unerfahrenheit und das jahrelange Ignorieren jeglicher sexuellen Bedürfnisse natürlich zu großen Problemen führen. Denn von einem Tag auf den anderen sind Sex und der weibliche Körper keine Sünde mehr, sondern ein Geschenk Gottes, für das man dankbar sein sollte. Dass viele Frauen (und sicher auch Männer) diesen Schalter nicht kurzerhand umlegen können, ist kaum verwunderlich.


Aber auch darüber hinaus kann es zu massiven Problemen kommen. Denn Paare teilen vor der Heirat in der Regel keinen Alltag miteinander, sie übernachten nicht beieinander, leben nicht miteinander. Sie lernen ihre Partner*innen nur in ausgesuchten Lebenslagen kennen, und Probleme, schwierige Eigenschaften oder Angewohnheiten bleiben häufig unbemerkt. Durch die plötzliche Nähe, die das Zusammenziehen nach der Hochzeit mit sich bringt, und das Teilen des Alltags miteinander können Schwierigkeiten zutage treten, mit denen man nicht gerechnet, die man nicht einkalkuliert hat und für die es nicht immer eine Lösung gibt. In meinem Fall war es die Suchterkrankung meines damaligen Partners, die er vor der Hochzeit - auch dank meiner mangelnden Lebens- und Beziehungserfahrungen - noch verstecken konnte, die aber nach dem Einzug in eine gemeinsame Wohnung nicht mehr zu übersehen war. Natürlich können Probleme angegangen und Krankheiten behandelt werden, es kann zu Lösungen und Heilungen kommen. Doch manchmal führt auch die härteste Arbeit zu nichts. Für viele Christ*innen ist Scheidung allerdings keine Option, denn "Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!" (Matthäus 19, 6), und so bleibt manchmal nur die eine Möglichkeit übrig: die Situation aushalten.


3. Die Rolle der Frau in der Ehe


Bei meiner Hochzeit las der Pfarrer einen Vers aus dem Epheserbrief vor. Wir hatten vorher über eine geeignete Bibelstelle gesprochen, doch meinen Wunsch ignorierte er. Scheinbar fand er seine Wahl passender:

Die Frauen seien ihren eigenen Männern untertan, als dem Herrn; denn der Mann ist des Weibes Haupt, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist; er ist des Leibes Retter. Wie nun die Gemeinde Christus untertan ist, so seien es auch die Frauen ihren eigenen Männern in allem." (Epheser 5, 22 ff)

Noch während er vorlas, spürte ich die Hitze in mir aufsteigen. Mir wurde heiß vor Wut und Scham und am liebsten hätte ich ihm seine Bibel aus der Hand gerissen und ihm ins Gesicht geschlagen. Natürlich waren mir die Worte nicht fremd, bisher hatte ich sie nur erfolgreich ignoriert. Doch jetzt, ausgesprochen kurz vor dem Eheversprechen, fühlten sie sich an wie ein Fluch, der über meine Ehe gelegt wurde.

Meine Aufregung über diese Versauswahl konnte in meiner Gemeinde niemand verstehen. Denn genau dieser Glaubenssatz wurde dort gelebt: Frauen hatten nicht dieselben Rechte wie Männer. Sie durften nicht predigen und etliche Ämter nicht bekleiden. Aber vor allem im christlichen Verständnis von Ehe wird der Unterschied, der zwischen den Geschlechtern gemacht wird, deutlich: Männer arbeiten, Frauen bekommen Kinder. Männer entscheiden, Frauen haben sich dem zu fügen. Die Frau ist dem Mann untergeordnet, in jeder Lebenslage.


Frauen werden schon früh auf ihren Körper reduziert, den es reinzuhalten gilt, damit sie ihn ihrem zukünftigen Partner schenken können. Sie lernen schon lange, bevor sie ihre erste Beziehung haben, dass ihr Wert von Männern abhängt. Da ist die Rolle der unterwürfigen Ehefrau, die sich aufopferungsvoll um ihren Mann und die Familie kümmert, nur eine logische Folge. Und da die Frau - als fürsorgliche Mutter und eifrige Unterstützerin ihres Partners - am Ende immer Gott dient, ist ihre Rolle und Leistung unendlich wertvoll. Warum also sollte sie unzufrieden sein?



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