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Sind christlich-fundamentalistische Gemeinden Sekten?

Aktualisiert: 10. Apr. 2023

Welche Methoden und Eigenschaften von Gemeinden und Freikirchen auf sektiererische Strukturen schließen lassen

Wir leben in einem christlich geprägten Land, in der die Kirche (auch als Arbeitgeberin) immer noch eine große Rolle spielt. In der Regel wird die Zugehörigkeit zu einer evangelischen Landes- oder Freikirche von Außenstehenden als harmlos wahrgenommen - schließlich gehört die Religion zu unserer Kultur. Doch gerade in christlich-fundamentalistischen Gemeinden sind immer wieder sektiererische Strukturen und missbräuchliche Methoden zu finden, die häufig nicht nach außen dringen. Die Sekten-Info NRW hat eine Checkliste für kritische Anzeichen in religiösen Gemeinschaften herausgebracht, mit deren Hilfe Gruppierungen auf problematische Merkmale geprüft werden können.


In diesem Beitrag möchte ich auf die einzelnen Punkte der Checkliste eingehen und sie mit christlich-fundamentalistischen Gemeinden vergleichen.


Gerade bei diesem Thema ist es mir nochmal wichtig, darauf hinzuweisen, dass ich mich auf meine eigenen Erfahrungen in verschiedenen christlichen Gemeinschaften sowie auf Berichte anderer Aussteiger*innen beziehe. Natürlich gibt es innerhalb der christlich-fundamentalistischen Welt unterschiedliche Strukturen, Auslegungen und Regeln, doch es existieren auch viele Gemeinsamkeiten. Allein die Tatsache, dass die Bibel als unumstößliche und wortwörtlich zu verstehende Wahrheit gilt, führt in den Gemeinden zu ähnlichen, wenn nicht denselben, Grundüberzeugungen.

Meine Einordnung kann demnach selbstverständlich keine Allgemeingültigkeit haben, dennoch gehe ich davon aus, dass sie auf einige Gemeinden zutrifft.


Vorab-Infos zu diesem Beitrag:


Ich beziehe mich auf das Faltblatt von Sekten-Info NRW mit insgesamt 17 kritischen Merkmalen, das ihr hier findet.


Im Folgenden werde ich die einzelnen Punkte auflisten und eine entsprechende Einschätzung bzgl. christlich-fundamentalistischer Gemeinden geben. Dazu nutze ich diese Markierungen:


✅: trifft zu

❌: trifft nicht zu

🔶: lässt sich nicht klar sagen


Wenn es thematisch passt, fasse ich Merkmale teilweise zusammen.


Checkliste für kritische Anzeichen - 17 Merkmale


1. Bei der Gruppe finde ich 100 % das, was ich bisher vergeblich gesucht habe. Sie weiß erstaunlich genau, was mir fehlt.


Da ich quasi in eine christliche Gemeinde hineingeboren wurde, habe ich die Erfahrung, eine Gemeinschaft und ihren Glauben komplett neu kennenzulernen, nie gemacht. Aber natürlich habe ich häufig miterlebt, wie neue "Mitglieder" willkommen geheißen und integriert wurden. Gemeinden sind sensibilisiert für die Nöte und Wünsche der Menschen. Nicht nur, dass Lovebombing auch in christlich-fundamentalistischen Gemeinden ein beliebtes Mittel ist, um Menschen, die sich nach Zugehörigkeit, Aufmerksamkeit und Liebe sehnen, emotional abzuholen, es werden hier auch viele weitere menschliche Bedürfnisse gestillt: Gemeinden bieten Traurigen Trost, Sinnsuchenden Erklärungen, und Menschen, die sich gebraucht fühlen möchten, sinnstiftende Aufgaben. Auf etliche Lebensfragen bietet der christliche Glaube klare Antworten. Welches Anliegen und welche Interessen einen Menschen auch immer in eine Gemeinde führen, sie werden hier eine passende Antwort und ein entsprechendes Angebot bekommen.


2. Schon der erste Kontakt eröffnet mir eine völlig neue Sicht der Dinge.

3. Das Weltbild der Gruppe ist verblüffend einfach und erklärt jedes Problem.


Die christliche Botschaft ist tatsächlich schnell erklärt: Der Mensch ist von Geburt an sündig und nur durch Jesus' unendliche Liebe kann er errettet werden. Richtet er sein Leben nach Gottes Willen aus, wird er nach seinem Tod und dem Jüngsten Gericht ein ewiges Leben im Himmel führen. Auf alle anderen Menschen wartet die Hölle und ewiges Leiden.

Es ist auf den ersten Blick eine Geschichte von göttlicher Liebe, die dem christlichen Menschen einen Sonderstatus verleiht. Zudem fußt dieser Glaube auf einem dualistischen Weltbild: Gott gegen Satan, Gut gegen Böse. Es ist kein komplexes, sondern ganz im Gegenteil, ein sehr einfach gehaltenes Glaubenskonstrukt, dass die Sicht auf das Leben und die Welt grundlegend ändern kann: Mit diesem Glauben als Fundament ändert sich nicht nur die Selbstwahrnehmung, sondern es lassen sich geradezu alle Ereignisse und Phänomene in der Welt auf einfachste Art erklären. Und gibt es doch Zweifel, kann man sich immer auf den Grundsatz berufen, dass die Wege des Herrn unergründlich sind.


4. Es ist schwer, sich ein genaues Bild von der Gruppe zu machen. Ich soll nicht nachdenken und prüfen. Meine neuen Freunde sagen: „Das kann man nicht erklären. Das musst Du erleben – komme doch gleich in unser Zentrum!“


Christliche Gemeinden in Deutschland stellen in der Regel kein Mysterium dar. Die meisten Menschen haben eine gewisse Vorstellung davon, wie ein Gottesdienst aussieht und woran Christ*innen glauben. Darum gibt es hier nicht so viel Erklärungsbedarf wie bei neuen, unbekannten religiösen Gruppierungen. Doch auch bei diesem Punkt gibt es zwei Parallelen in christlich-fundamentalistischen Gemeinden: 1. Es besteht ein hohes Interesse daran, neue Mitglieder zu akquirieren, weil Christ*innen den Auftrag haben, zu missionieren und anderen Menschen die Frohe Botschaft zu verkünden. 2. Menschen werden in Gemeinden in der Regel emotional abgeholt: Es geht um die starken Gefühle während des Worships und um das überwältigende Zusammengehörigkeitsgefühl in Versammlungen. Diese Emotionen lassen sich schwer vermitteln, Menschen müssen sie selbst erleben und dazu die Gemiende besuchen.


5. Die Gruppe hat einen Meister, ein Medium, einen Führer oder Guru, der allein im Besitz der ganzen Wahrheit ist.


In keiner Gemeinde, die ich bisher besucht habe, gab es einen solchen Guru. Generell existierte zwar ein gewisser Autoritätsglauben, eine Überzeugung, dass bestimmte Menschen in der Gemeinde besonders gesegnet und weise waren, aber auch Pfarrer durften hinterfragt und kritisiert werden, alle Menschen waren fehlbar. Nur Gott allein war im Besitz der ganzen Wahrheit.


6. Die Lehre der Gruppe gilt als einzig echtes, ewig wahres Wissen. Die etablierte Wissenschaft, das rationale Denken, der Verstand werden dagegen als Verkopfung, als negativ, satanisch oder unerleuchtet abgelehnt.


Die christlichen Gemeinden, die ich kennengelernt habe, haben sich generell als Teil einer großen Glaubensgemeinschaft verstanden. Nicht nur ihre Mitglieder, sondern auch alle anderen überzeugten Christ*innen weltweit würden ihrem Verständnis nach am Tag des Jüngsten Gerichts errettet werden. Dieses Versprechen Gottes gilt exklusiv für alle, die ihr Verständnis der Bibel teilen. Zu den Erretteten zählen also nur jene, die die Bibel als ein vom Heiligen Geist inspiriertes Buch wortwörtlich auslegen und sie als Fundament für ihr Leben betrachten. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, z. B. zum Alter und der Entwicklung der Erde, oder alternative Sichtweisen, andere Glaubensrichtungen oder Wertesysteme werden als Versuche des Satans gedeutet, Menschen vom christlichen Glauben abzubringen. Auch Glaubenszweifel, die im Leben aller Christ*innen immer wieder auftauchen, sind als Angriffe des Bösen zu verstehen und können nur durch Gebete und der intensiven Beschäftigung mit Gott eingedämmt werden.


7. Kritik durch Außenstehende wird als Beweis betrachtet, dass die Gruppe Recht hat.


Etliche Bibelstellen (wie Matthäus 5, 10: "Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.") weisen darauf hin, dass Christ*innen wegen ihrer Überzeugungen verfolgt werden. Darum gehen fundamentalistische Christ*innen davon aus, dass sie aufgrund ihres Glaubens während ihrer Zeit auf der Erde Leid erfahren werden.

Werden Kinder also in der Schule wegen ihrer Gemeindezugehörigkeit gemobbt oder Erwachsene auf der Arbeit oder bei missionarischen Straßeneinsätzen verspottet, so ist dies immer als Beweis für die prophetischen Aussagen der Bibel zu werten. Der Wahrheitsgehalt ihres Glaubens wird durch die Erfüllung der vor 2.000 Jahren formulierten Weissagungen noch einmal bestätigt.


8. Die Menschheit treibt auf eine Katastrophe zu und nur die Gruppe weiß, wie man die Welt retten kann.


Christliche Fundamentalist*innen sind in stetiger Erwartung des Armaggedons. Sie gehen davon aus, dass das Ende der Welt bald gekommen ist. Ereignisse wie Kriege, Naturkatastrophen oder generell das politische Weltgeschehen werden als Vorboten der Endzeit gedeutet, Christi Wiederkunft steht kurz bevor. Jedoch gilt es nicht, diese Welt zu retten. Dass sie zerstört wird, steht außer Frage. Stattdessen müssen sich Menschen das ewige Leben in Paradies sichern. Und um gerettet zu werden, gibt es nur diesen einen Weg: sich zu bekehren.


9. Die Gruppe ist die Elite und die übrige Menschheit ist krank und verloren – solange Sie nicht mitmacht bzw. sich retten lässt.


Zwar muss man nicht Teil dieser einen Gruppierung sein, doch nur die Menschen, die den christlichen Glauben und die fundamentalistische Auslegung der Bibel teilen, können in den Himmel gelangen. Alle anderen Menschen haben die Wahrheit nicht erkannt, sind verblendet und werden in der Hölle landen, wo sie für ihren Unglauben in alle Ewigkeit bestraft werden.


10. Ich soll sofort Mitglied werden.


Ich war immer nur Teil von Gemeinden, die sich nicht von Steuergeldern finanziert wurden, sondern selbst für ihren Erhalt verantwortlich waren. Daher waren sie abhängig von den Spenden ihrer Mitglieder und tatsächlich wurde immer wieder an den biblischen Auftrag erinnert, "seinen Zehnten" (also 10 % seines Einkommens) an die Gemeinde abzutreten. Ich wurde jedoch nie dazu gedrängt, Mitglied zu werden, und habe dies auch nie bei anderen beobachtet. Besucher*innen waren jederzeit willkommen und mussten sich nicht fest an Gemeinden binden.


11. Die Gruppe grenzt sich von der übrigen Welt ab und nimmt eine strenge Reglementierung zwischenmenschlicher Beziehungen vor. 🔶

12. Die Gruppe will, dass ich alle „alten“ Beziehungen abbreche, weil Sie meine Entwicklung behindern.


In meinem Beitrag "Indoktrination in christlichen Gemeinden" habe ich ausführlich darüber geschrieben, wie Christ*innen in fundamentalistischen Kreisen von "der Welt", der Wissenschaft und anderen Einflüssen isoliert werden. Allein durch die viele Zeit, die sie innerhalb der Gemeinde verbringen, grenzen sie sich automatisch von anderen sozialen Angeboten ab. Dennoch habe ich eine normale, staatliche Schule besucht, konnte "nicht-christliche" Freizeitangebote wahrnehmen und hatte viele Freund*innen außerhalb der Gemeinde. Hier wurden mir keine Regeln auferlegt, auch wenn hin und wieder die Sinnhaftigkeit hinterfragt wurde. Ich habe auch nicht erlebt, dass neuen Mitgliedern dazu geraten wurde, Kontakte abzubrechen - einzige Ausnahme: Es handelte es sich um Menschen, die okkulte Praktiken ausführten.

Es gibt jedoch einen Lebensbereich, in den sich Gemeinden häufig einmischen und Regeln aufstellen: Liebesbeziehungen zwischen Christ*innen und ungläubigen Personen werden gar nicht gerne gesehen und in meiner Gemeinde wurden Mitglieder häufig dazu gedrängt, diese zu beenden.


13. Mein Sexualverhalten wird mir exakt vorgeschrieben, etwa Partnerwahl durch die Leitung, Gruppensex oder auch totale Enthaltsamkeit.


Das Thema Sex hat einen enorm hohen Stellenwert in christlich-fundamentalistischen Kreisen und wird häufig mit Sünde in Zusammenhang gebracht. Strikte sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Ehe, klare Vorschriften für nicht-eheliche Beziehungen, Verbot von Pornografie und Masturbation usw. - das Sexualverhalten von Christ*innen unterliegt klaren Regeln, die immer wieder thematisiert werden und deren Einhalten von anderen Mitgliedern kritisch geprüft wird. In meinem Beitrag "Purity Culture" gehe ich näher auf die christlichen Überzeugungen zu Sex und den Druck, der von Gemeinden ausgeübt wird, ein.


14. Die Gruppe füllt meine gesamte Zeit mit Aufgaben: Verkauf von Büchern oder Zeitungen, Werben neuer Mitglieder, Besuch von Kursen, Meditation ...


Viele Gemeinden haben ein breites Angebot für ihre Mitglieder: Gebetsstunden, Gottesdienste, Worship-Sessions, Workshops, Kochabende, Spieleabende, Missionseinsätze oder Freizeiten - wenn man möchte, kann man seine gesamte Freizeit im Rahmen der Gemeinde verbringen. Zusätzlich gibt es jede Menge Aufgaben, die an die Mitglieder verteilt werden: Die Veranstaltungen müssen vorbereitet, Stühle gestellt und Liederbücher verteilt werden. Es wird Kaffee gekocht, die Räume werden sauber gehalten, es findet Kinderbetreuung während der Events statt und für Straßeneinsätze werden Menschen gebraucht, die Stände aufbauen und Bibeln verteilen. Das freiwillige Engagement in Gemeinden ist eine Selbstverständlichkeit - sie bindet die Mitglieder zusätzlich an die Gruppe und verhindert, dass sie zu viel Zeit in "der Welt" verbringen.


15. Es ist schwer, allein zu sein - jemand aus der Gruppe ist immer bei mir.


Obwohl viel Zeit innerhalb der Gemeinde verbracht wird, haben Mitglieder in der Regel auch noch ein Leben außerhalb: Sie gehen einer Arbeit nach, haben andere soziale Kontakte, treiben vielleicht Sport oder gehen Hobbys nach und sie leben in eigenen Wohnungen oder Häusern. Allein zu sein oder sich abseits von den anderen Gemeindemitgliedern zu bewegen, ist völlig unproblematisch.


16. Wenn ich zweifle, wenn sich der versprochene Erfolg nicht einstellt, bin ich „selbst schuld“, weil ich mich nicht genug einsetze oder weil ich nicht stark genug glaube.


Leider ist es auch in christlich-fundamentalistischen Gemeinden häufig der Fall, dass Menschen, die zweifeln oder Schwierigkeiten dabei haben, eine persönlichen Beziehung zu Gott zu pflegen, unterstellt wird, dass ihr Glaube nicht stark genug ist. Dann wird für sie gebetet und ihnen geraten, selbst ebenfalls mehr Zeit und Kraft ins Gebet zu legen.

In vielen charismatischen Freikirchen werden sogar Krankheiten (physisch und psychisch) auf fehlenden Glauben zurückgeführt, was für die Betroffenen eine zusätzliche Belastung bedeutet und für mich ein typischer Fall von geistlichem Missbrauch darstellt.


17. Die Gruppe verlangt strikte Befolgung ihrer Regeln und Disziplin – als einzigen Weg zur Rettung.


Auch hier möchte ich darauf hinweisen, dass sich Gemeinden selten als exklusive Gruppierung, sondern als Teil einer großen christlichen Gemeinschaft verstehen. Zwar existieren häufig Regeln (s. Purity Culture) oder Vereinbarungen, aber die wichtigste Voraussetzung, um gerettet zu werden, ist die Bekehrung.


Schlussbemerkung


Wie oben schon geschrieben, lässt sich die Frage, ob christlich-fundamentalistische Gemeinden Sekten sind, natürlich nicht allgemein und endgültig beantworten. Außerdem möchte ich an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass christlich-fundamentalistische Gemeinden keine totalitären Regime sind: Menschen werden selten zu etwas gezwungen, es dürfen Fragen gestellt und Kritik darf geäußert werden und jene, die aussteigen möchten, können dies problemlos tun. Doch es findet viel subtile Manipulation, geistlicher Missbrauch und Brain Washing statt, es wird indirekt Druck ausgeübt und mit dem schlechten Gewissen der Mitglieder gearbeitet. So sieht auf den ersten Blick alles nach Freiwilligkeit aus, doch dahinter stecken manipulative Techniken und toxische Strukturen, die Mitglieder selbst höchstwahrschenlich nicht wahrnehmen.

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